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Nervensystem

Warum du einen Rabatt gibst, bevor die Kundin überhaupt verhandelt hat

Von Alissa Smajilovic · 6 Min. Lesezeit

Du willst deinen Preis nennen. Und in der Sekunde, bevor die Zahl draußen ist, entscheidest du dich, der Kundin noch schnell einen Rabatt zu geben. Sie hat nicht verhandelt. Sie hat noch gar nichts gesagt.

Vielleicht ist es bei dir kein Rabatt. Vielleicht schreibst du das Angebot zum dritten Mal um, bevor du es abschickst. Vielleicht beantwortest du die Preisfrage mit „Da schauen wir, was für dich passt“. Vielleicht wirst du in der Launch-Woche zuverlässig krank. Hinterher ärgerst du dich jedes Mal, denn eigentlich weißt du es besser. Genau das ist die interessante Frage: Warum tust du Dinge, von denen du weißt, dass sie dich Geld kosten? Die Antwort liegt nicht in deiner Disziplin. Sie liegt in der Art, wie dein Gehirn arbeitet.

Dein Gehirn wartet nicht, es sagt voraus

Lange dachte man, das Gehirn nimmt eine Situation wahr und reagiert dann darauf. Die neuere Hirnforschung zeichnet ein anderes Bild. Dein Gehirn reagiert nicht auf das, was gerade passiert. Es sagt voraus, was gleich passieren wird, auf Basis von allem, was du je erlebt hast, und bereitet den Körper darauf vor, bevor die Situation überhaupt da ist. Die Neurowissenschaftlerin Lisa Feldman Barrett beschreibt das Gehirn deshalb nicht als Reaktions-, sondern als Vorhersagemaschine.

Das heißt konkret: In der Sekunde vor der Zahl reagiert dein System nicht auf die Frau, die dir gegenübersitzt. Es reagiert auf seine Vorhersage, was passiert, wenn du den vollen Preis forderst. Diese Vorhersage stammt nicht aus diesem Gespräch. Sie stammt aus jedem Moment deines Lebens, in dem mehr zu wollen nicht sicher war. Der Rabatt in letzter Sekunde ist dann die eleganteste Lösung, die dein System kennt: Es macht das Angebot kleiner, bevor es abgelehnt werden kann.

Der Rabatt ist keine Entscheidung über Geld. Er ist eine Vorhersage über Ablehnung.

Warum Verstehen die Vorhersage nicht ändert

Hier liegt der Grund, warum dir all das Wissen bisher nicht geholfen hat. Eine Vorhersage wird nicht durch Einsicht aktualisiert. Du kannst dir hundertmal sagen, dass Sichtbarkeit ungefährlich ist. Dein System hat aber nicht aus Sätzen gelernt, sondern aus Erfahrung und es glaubt nur, was es neu erlebt. Deshalb kann eine Frau jedes Buch über Selbstwert gelesen haben und vor dem Launch trotzdem nicht schlafen. Das Verstehen sitzt im Kopf. Die Vorhersage sitzt tiefer.

Genau das habe ich an mir selbst erlebt. Ich hatte jahrelang die Werkzeuge, die Sprache, die Psychoedukation. Verschoben hat sich nichts, weil ich versucht habe, ein Vorhersage-Problem mit Verstehen zu lösen.

Was die Vorhersage wirklich verschiebt

Neue Erfahrungen, aber nicht irgendwelche und nicht alle auf einmal. Eine Vorhersage verändert sich, wenn dein System eine Situation, die es als gefährlich abgespeichert hat, neu und sicher erlebt, oft genug und in kleinen Dosen. Du nennst den vollen Preis einmal ohne Rabatt und erlebst, dass die Kundin trotzdem bucht. Du zeigst dich und dein System merkt, dass danach nichts einstürzt. Jedes dieser Male ist ein Datenpunkt, der die alte Vorhersage ein Stück weit überschreibt.

Deshalb arbeite ich in Dosen und in einer bestimmten Reihenfolge statt mit Konfrontation. Wer sich zwingt, dem großen Sprung sofort standzuhalten, bestätigt der alten Vorhersage nur, dass es wirklich gefährlich war. Wer dieselbe Erfahrung in verdaubare Schritte teilt, gibt dem System die Chance, eine neue Vorhersage zu bauen. Ich habe an anderer Stelle beschrieben, warum bei somatischer Arbeit die Reihenfolge wichtiger ist als die Übung. Der Grund ist derselbe.

Was das für dein Business heißt

Es heißt, dass dein nächster Level kein Motivationsproblem ist. Die Zahl, die du dich nicht zu nennen traust, die Position, die du nicht beziehst, das Team, das du nicht einstellst: Das sind keine Willensfragen. Das sind Vorhersagen deines Körpers darüber, was mit mehr kommt. Deshalb fühlt sich Wachstum manchmal nicht wie Erfolg an, sondern wie Gefahr. Deshalb kannst du auf dem Papier genau wissen, wie der nächste Schritt geht, und ihn trotzdem nicht machen. Ich habe darüber geschrieben, warum dein Business nicht an deinem Kalender scheitert, sondern an dem, was dein System gerade tragen kann.

Die gute Nachricht steckt im selben Satz. Eine Vorhersage ist kein Urteil über dich. Sie ist eine Schätzung auf Basis alter Daten. Und Daten kann man ergänzen. Nicht mit mehr Druck, sondern mit neuer Erfahrung, in einer Dosis, die dein Körper verarbeiten kann.

Genau daran arbeite ich: Strategie, Identität und Nervensystem als ein System, damit dein nächster Schritt nicht am Körper scheitert. Wie das aussieht, findest du unter Solution Design. Ob es zu dir passt, klärt sich am besten im Gespräch.

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Dieser Text spiegelt meine Perspektive und meine Arbeit wider. Er ist keine medizinische oder therapeutische Beratung und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Ich arbeite nicht diagnostisch und verweise bei Bedarf an entsprechende Fachpersonen.