Warum somatische Übungen dein Nervensystem nicht automatisch regulieren
Du hast die Übung aus dem Reel gemacht. Geschüttelt, gesummt, die Augen kreisen lassen und danach warst du nicht ruhiger, sondern irgendwie neben dir. Also denkst du, du machst es falsch. Ich liebe diese Arbeit und trotzdem muss ich etwas dazu sagen, das kaum jemand ausspricht.
Nur weil eine Übung „somatisch" heißt, bedeutet das noch nicht, dass sie in diesem Moment gut für dein Nervensystem ist. Eine somatische Übung zu machen und dein System tatsächlich zu unterstützen sind zwei verschiedene Dinge und der Unterschied entscheidet darüber, ob du dich hinterher besser fühlst oder schlechter.
Was somatische Übungen eigentlich sind
Somatisch heißt: über den Körper, nicht über den Kopf. Während klassische Ansätze beim Denken ansetzen, setzt somatische Arbeit dort an, wo der Stress tatsächlich sitzt, im Körper. Über Bewegung, Atem, Stimme, über das Entladen von Spannung. Die Idee dahinter ist simpel und tief zugleich: Gestauter Stress wird dort gelöst, wo er festhängt, und nicht dort, wo wir darüber nachdenken.
Das ist der Grund, warum diese Arbeit so kraftvoll sein kann. Sie umgeht den Teil von dir, der alles rationalisiert, und spricht direkt mit dem System, das die Anspannung hält, aber genau deshalb ist sie auch nichts, was man blind nach Anleitung abspult.
Warum dieselbe Übung mal hilft und mal schadet
Dein Nervensystem ist nicht in jedem Moment im selben Zustand. Mal bist du überdreht und aktiviert, mal leer und abgeschaltet. Eine Übung, die dich runterbringt, ist wunderbar, wenn du überaktiviert bist. Dieselbe Übung kann sich falsch anfühlen, wenn dein System gerade ohnehin schon im Shutdown ist und eigentlich das Gegenteil bräuchte, etwas, das dich sanft wieder aktiviert.
Deshalb kann eine YouTube-Übung, die bei einer Freundin Wunder wirkt, bei dir gar nichts tun oder dich sogar unruhiger machen. Nicht weil die Übung schlecht ist. Sondern weil sie nicht zu deinem Zustand in diesem Moment passt. Das ist keine kleine Fußnote, das ist der ganze Kern.
Sequenzierung: der Teil, den fast niemand mitverkauft
In meiner Arbeit steht ein Wort im Zentrum, das im Trend fast immer fehlt: Sequenzierung. Das klingt technisch, meint aber etwas sehr Menschliches. Dein Nervensystem lesen und erkennen, was es genau jetzt braucht, statt pauschal zu beruhigen. Veränderung im richtigen Tempo, in der richtigen Reihenfolge und in einer Dosis, die dein System verarbeiten kann.
Ohne diese Reihenfolge kann selbst die sanfteste Übung dein System überfordern. Das ist der Punkt, der mir wichtig ist: Es geht nicht darum, wie sanft eine Methode ist. Es geht darum, ob jemand weiß, wie man sie sequenziert. Auch gut gemeinte Arbeit kann daneben liegen, wenn die Dosis nicht stimmt.
Woran du merkst, dass etwas nicht passt
Dein Körper gibt dir Rückmeldung, wenn du zuhörst. Wenn eine Übung dich immer wieder aufwühlt, unruhig macht oder komplett taub zurücklässt, dann ist das kein Zeichen, dass du sie „noch mehr üben" musst. Es ist ein Signal, dass Zustand und Übung gerade nicht zusammenpassen. Dein System sagt dir das nicht, um dich zu ärgern, sondern um dich zu schützen.
Genau hier hört das reine Übungs-Denken auf und die eigentliche Arbeit fängt an. Nicht „welche Übung soll ich machen", sondern „was braucht mein System gerade und in welcher Reihenfolge darf es das bekommen".
Wo meine Arbeit ansetzt
Meine Methodik ist in der Polyvagal-Theorie von Stephen Porges und Deb Dana verankert und in Somatic Stress Release nach Dr. Scott Lyons. Ich arbeite datenbasiert und mit Blick auf das ganze Bild, nicht diagnostisch. Wo es nötig ist, arbeite ich mit externen Fachpersonen zusammen und verweise weiter, an Ärzte, Labore oder Therapeutinnen.
Somatische Übungen sind ein wunderbares Werkzeug, aber ein Werkzeug ist nur so gut wie das Verständnis dafür, wann und wie man es einsetzt. Wenn dich das Thema Reihenfolge neugierig gemacht hat, dazu schreibe ich hier bald mehr.
Wie diese Arbeit als System aussieht, findest du unter Solution Design. Wenn du wissen willst, ob das zu dir passt, ist der erste Schritt ein Gespräch.
Solution Design ansehenDieser Text spiegelt meine Perspektive und meine Arbeit wider. Er ist keine medizinische oder therapeutische Beratung und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Ich arbeite nicht diagnostisch und verweise bei Bedarf an entsprechende Fachpersonen.