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Nervensystem

Nervensystem regulieren ist nicht dasselbe wie sich beruhigen

Von Alissa Smajilovic · 8 Min. Lesezeit

Du hast schon alles probiert. Atemübungen, Meditation, kalt duschen, Journaling und trotzdem sitzt da etwas im Körper, das nicht weichen will. Du glaubst, du machst es falsch. Dabei liegt der Denkfehler woanders.

Nervensystem regulieren wird fast immer mit „sich beruhigen" gleichgesetzt. Ruhig werden, runterkommen, den Stress wegatmen. Es klingt logisch. Es ist auch das, was dir überall verkauft wird und genau das ist manchmal der Grund, warum es schlimmer wird statt besser.

Warum „beruhig dich" das Falsche sein kann

Dein Nervensystem hat verschiedene Zustände und jeder davon hat seine Berechtigung. Wenn gerade viel in dir los ist, viel Energie, viel Aktivierung und du versuchst das mit Gewalt runterzudrücken, dann sagst du deinem Körper etwas Bestimmtes: das was du gerade fühlst, darf nicht sein. Das ist keine Regulation. Das ist Unterdrückung mit einem freundlicheren Namen.

Vielleicht kennst du das. Du setzt dich hin, um zu meditieren, und wirst unruhiger statt ruhiger. Das ist kein Versagen und kein Zeichen, dass du es nicht kannst. Das ist ein System, das gerade nicht runter kann, weil der Stress in ihm noch nicht zu Ende gebracht wurde. Ihn wegzudrücken hilft nicht. Er wartet einfach, bis du nicht mehr hinschaust.

Sicherheit ist kein Gedanke. Sicherheit ist ein Körperzustand.

Was Regulation wirklich bedeutet

Regulation heißt nicht, immer ruhig zu sein. Es heißt, den Zustand erkennen zu können, in dem du gerade bist, und dann die Bedingungen zu schaffen, damit dein System sich wieder bewegen kann. Jetzt kommt der Teil, den kaum jemand so sagt: Regulieren ist eigentlich etwas, das passiert, nicht etwas, das du tust.

Es passiert, weil du deinem Körper das gegeben hast, was er braucht, um aus der Aktivierung zurück in die Erholung zu finden. Du reguliert dich nicht mit einer Übung wie mit einem Schalter. Du schaffst die Bedingungen und dein Körper macht den Rest. Das ist ein feiner Unterschied, aber er verändert alles. Er nimmt dir die Verantwortung ab, es „richtig zu machen", und gibt sie dorthin zurück, wo sie hingehört: in deinen Körper, der genau weiß, wie das geht.

Neurozeption: dein Körper entscheidet vor deinem Kopf

Es gibt einen Begriff aus der Polyvagal-Theorie von Stephen Porges, der das erklärt. Er klingt erstmal kompliziert, heißt aber nur eine einfache Sache: Neurozeption. Dein Körper prüft ständig, im Hintergrund, ohne dass du es merkst, ob eine Situation sicher ist oder nicht und je nachdem schaltet er auf Sicherheit oder auf Schutz.

Das passiert schneller, als dein Verstand denken kann. Deshalb kannst du dir hundertmal sagen „es ist alles okay" und dein Körper glaubt dir trotzdem nicht. Nicht weil du zu schwach oder zu unbewusst bist. Sondern weil Sicherheit nicht im Kopf entschieden wird. Dein Nervensystem liest die Lage, bevor du überhaupt Zeit hattest, darüber nachzudenken.

Ein Zustand ist kein Problem, sondern Information

Der Mainstream tut so, als wäre jede Aktivierung ein Fehler, den man wegatmen muss. Dabei hat Stress seinen Platz. Aktivierung ist nicht der Feind, sie ist Information. Die Frage ist nicht „wie werde ich das los", sondern „in welchem Zustand bin ich gerade und was würde mir jetzt wirklich helfen".

Manchmal ist grounden genau richtig und manchmal braucht dein System das Gegenteil, Bewegung, Entladung, Lautstärke, etwas, das die Energie durchlässt statt sie festzuhalten. Verschiedene Zustände brauchen Verschiedenes. Das pauschale „beruhig dich" ignoriert genau das und deshalb funktioniert es so oft nicht.

Kapazität statt Dauerberuhigung

Was du langfristig aufbaust, ist nicht Ruhe. Es ist Kapazität. Jedes Mal, wenn dein System einen Stresszyklus zu Ende bringt und in die Erholung zurückkehrt, baut sich ein Stück biologische Resilienz auf. Die Fähigkeit, mehr zu halten und dich schneller zu erholen.

Bleibt dein System zu lange im Stress, ohne diese Rückkehr, trägt dein Körper eine Last, die er nie ablegen durfte. Die Forschung nennt das allostatic load, die Summe aus Stress, die sich anstaut, wenn er nie richtig zu Ende geht. Es ist einer der Gründe, warum chronischer Stress irgendwann im Körper ankommt und nicht nur im Kopf bleibt.

Ich schreibe das nicht, um dir Angst zu machen, sondern damit du aufhörst zu glauben, du machst etwas falsch. Wenn dich die Übungen bisher nicht weitergebracht haben, lag es vielleicht nie an dir, sondern an der Reihenfolge. Wie diese Reihenfolge aussieht, wie man ein Nervensystem liest statt es pauschal zu beruhigen, dazu teile ich hier bald mehr.

Wenn du wissen willst, wie diese Arbeit im Konkreten aussieht, schau dir Solution Design an oder schreib mir einfach, wenn dich etwas davon angesprochen hat.

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Dieser Text spiegelt meine Perspektive und meine Arbeit wider. Er ist keine medizinische oder therapeutische Beratung und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Ich arbeite nicht diagnostisch und verweise bei Bedarf an entsprechende Fachpersonen.